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Endokrinologie
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01.12.2000 - Wie kommt Iod in die Schilddrüse?
 
Tagung der Sektion Schilddrüse der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie zum Thema "Iodidtransport" Würzburg, 30. 11. bis 2. 12. 2000

"Überflüssig wie ein Kropf" wären eigentlich eine große Anzahl von Operationen zur Entfernung einer durch Iodmangel verursachten Struma, d. h. einer vergrößerten Schilddrüse, im Volksmund als Kropf bezeichnet. Dem Gesundheitssystem entstehen dadurch Folgekosten in Höhe von 2 bis 3 Mrd. DM pro Jahr, die sich durch ausreichende vorbeugende Aufnahme von Iod mit der Nahrung leicht vermeiden ließen. Zwar hat sich in den letzten 5 Jahren die Situation durch Verwendung von iodiertem Speisesalz im Haushalt und bei der Produktion von Fleisch-, Wurst- und Backwaren deutlich verbessert. Jedoch kann immer noch keine generelle Entwarnung gegeben werden, und ganz besonders gilt das für einzelne Risikogruppen wie v. a. stillende Mütter.

Diesem Problembereich widmet sich die Jahrestagung der Sektion Schilddrüse der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie in Würzburg unter Leitung von Dr. Cornelia Schmutzler, Abteilung Molekulare Innere Medizin in der Medizinischen Poliklinik, Professor Christoph Reiners, Klinik und Poliklinik für Nuklearmedizin, beide Universität Würzburg, und Prof. Georg Brabant, Abteilung Klinische Endokrinologie, Medizinische Hochschule Hannover. Vom 30. November bis zum 2. Dezember treffen sich Schilddrüsenspezialisten aus Deutschland, Europa und den USA in den Tagungsräumen des Juliusspitals, um im Rahmen des Symposiums "Iodidtransport" über neuere Forschungsergebnisse zum Iodhaushalt in der Schilddrüse zu diskutieren.

Iod ist ein Spurenelement, dessen Anteil an der Erdkruste nur ein Tausendstel Promille beträgt. Dennoch spielt es im menschlichen Organismus eine zentrale Rolle, und zwar als Bestandteil der iodhaltigen Schilddrüsenhormone Thyroxin (T4) und T3. Diese beeinflussen Stoffwechsel, Energiehaushalt, Körpertemperatur, Herztätigkeit und sind damit für die allgemeine körperliche und geistige Leistungsfähigkeit unverzichtbar. T3 und T4 werden in der Schilddrüse produziert. Einen Mangel versucht der Organismus durch eine Vergrößerung des Schilddrüsenvolumens auszugleichen, um auf diesem Weg die Hormonausschüttung zu erhöhen: es kommt zur Ausbildung einer Struma. Noch gravierender allerdings ist eine Unterversorgung mit Iod und Schilddrüsenhormonen während der Schwangerschaft und der frühkindlichen Entwicklung. Körperwachstum und Reifung des kindlichen Zentralnervensystems können aufs Schwerste beeinträchtigt werden. Dies kann bis zum Krankheitsbild des "Kretinismus" führen, eine Form des angeborenen Schwachsinns, mit der sich schon der berühmte Pathologe Virchow in seiner Würzburger Zeit beschäftigt hat. Es ist klar, dass der menschliche Körper über besonders effiziente Möglichkeiten verfügen muss, um eine ausreichende Iodversorgung als Voraussetzung für die Bildung der Schilddrüsenhormone zu ermöglichen.

Dieses Thema ist deshalb gerade besonders aktuell, weil innerhalb der letzten 5 Jahre entscheidende Fortschritte bei der Aufklärung der Prozesse gemacht worden sind, die an der Aufnahme von Iod in die Schilddrüse beteiligt sind. Seit 1996 weiß man aufgrund von molekularbiologischen Analysen, dass die Zellwand der hormonproduzierenden Zellen der Schilddrüse, der sog. Thyreozyten, eine hochspezialisierte Iodpumpe enthält, den Natrium-Iodid-Symporter, kurz "NIS". Dieses nahezu ausschließlich in der Schilddrüse auftretende Protein kann im Thyreozyten Iod um den Faktor 20 - 40 anreichern. Dank klinisch orientierter Grundlagenforschung wurde geklärt, wie das Vorkommen und die Funktion des NIS z. B. durch Hypophysenhormone, durch Iod selbst oder durch Vitamin-A-ähnliche Substanzen reguliert werden. Auch die Beeinträchtigung der NIS-Aktivität bei Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse oder bei der Schilddrüsenunterfunktion wird nun besser verstanden. Der NIS ist darüber hinaus von Bedeutung in der klinischen Praxis bei der sog. Radioiodtherapie: Nach Verabreichen des radioaktiven Therapeutikums Iod-131 wird durch "interne Bestrahlung" nur das krankhaft veränderte Schilddrüsengewebe zerstört, welches NIS enthält. Auch beim Schilddrüsenkrebs ist die Funktion des NIS gestört, was dazu führen kann, dass eine Radioiodtherapie nicht mehr durchführbar ist; dies trägt zu den wesentlich verschlechterten Heilungschancen besonders bei fortgeschrittenen Stadien des Schilddrüsenkrebs bei. Einige innovative Beiträge stellen daher Verfahren vor, wie der fehlende NIS durch Gentherapie in die erkrankte Schilddrüse zurückgeführt werden könnte. Mehr noch, es werden Versuche gemacht, durch dieselben Methoden das NIS-Protein auch in solchen Geweben zu exprimieren, die es normalerweise nicht enthalten. Ziel dieser Ansätze ist es, das sehr spezifische, sichere und nebenwirkungsarme Behandlungsverfahren der Radioiodtherapie auch z. B. bei Prostata- oder Brustkrebs sowie bei Gehirntumoren anzuwenden.

Diese hochkarätig besetzte Tagung gibt einen umfassenden Überblick über die aktuelle Forschung zum Thema Iodhaushalt der Schilddrüse. Die sehr vielversprechenden Ergebnisse zum Einsatz des NIS-Proteins lassen erwarten, dass die bislang im Tierexperiment erreichten Fortschritte bald in die klinische Praxis umgesetzt werden, um hier nicht nur den Schilddrüsenpatienten zugute zu kommen.