Hormone und Spurenelemente -Große Wirkung in kleinsten Mengen
Professor Dr. Josef Köhrle, Klinische Forschergruppe, Medizinische Poliklinik, Röntgenring 11, 97070 Würzburg
Unter Endokrinologie versteht man die Lehre von der inneren Sekretion der hormonbildenden Drüsen, Organe oder Gewebe. Verschiedene Regulationssysteme steuern das Ausmaß der Hormonabsonderung, so dass entsprechend der Entwicklung, des Wachstums und verschiedener Umweltbedingungen eine Anpassung möglich ist. Bei endokrinologischen Erkrankungen liegt entweder ein Hormonüberschuss oder ein Hormonmangel zugrunde, hervorgerufen durch Über- oder Unterfunktion der entsprechenden Drüsen.
In den letzten Jahren konnten durch die Erfolge der Grundlagenforschung im Bereich der Hormonwirkung modellhaft Prinzipien der biologischen Regulation und der Stoffwechselfunktion durch Endokrinologen aufgeklärt werden. Durch biotechnologische Fortschritte in der Diagnostik und der Therapie hormonbezogener Erkrankungen konnten diese Erkenntnisse sehr schnell eingesetzt werden. Auch hier waren Endokrinologen die Vorreiter. Eine Art limitierender Faktor stellen jedoch die methodischen Probleme des Nachweises potenter Biomoleküle in kleinsten Konzentrationen dar.
Im Bereich der Schilddrüsenfunktionsstörung, dem häufigsten endokrinen Krankheitsbild überhaupt, gab es in den letzten Jahren bedeutende Fortschritte. Dass dieses Krankheitsbild so häufig auftritt, ist unter anderem auf den noch immer bestehenden Jodmangel in Deutschland zurückzuführen. Denn Jod ist Bestandteil der Schilddrüsenhormone und muss von außen zugeführt werden. Der Körper kann es nicht selbst bilden. Wissenschaftler konnten nun das Transportmolekül, welches Jodid aus der Blutbahn in die Schilddrüse bringt, klonieren und charakterisieren. Mit molekularbiologischen Verfahren ist es uns nun gelungen, dieses Molekül in Gewebeproben nachzuweisen. Dadurch erhält man Hinweise auf Funktionsstörungen für den Jod-Stoffwechsel bei Schilddrüsenknoten, -tumoren und Autoimmunerkrankungen.
Ein weiterer Durchbruch gelang durch die Anwendung von Vitamin-A-Abkömmlingen bei der Therapie von Schilddrüsenkrebs in einer interdisziplinären klinischen Pilotstudie zwischen Endokrinologen, Chirurgen und Nuklearmedizinern. Wir konnten zeigen, dass bei Schilddrüsenkrebspatienten, die nicht mehr auf die üblichen etablierten Therapieverfahren ansprechen, die Behandlung mit Retinsäure Erfolge zeigt. Retinsäure ist ein natürliches Stoffwechselprodukt der Hormonvorstufe des Vitamin A.
Die Verbesserung des Zustands der Patienten unter dem Einfluss von Retinsäure ermöglichte weitere diagnostische und/oder therapeutische Maßnahmen. Hier haben wir durch molekularendokrinologische und zellbiologische Analysen die Mechanismen der Retinsäurewirkung auf das Schilddrüsengewebe und deren Tumoren aufklären können. Es zeigte sich, dass durch Gabe von Retinsäure das Jodidtransportmolekül in Schilddrüsentumoren und Metastasen aktiviert wurde. Dadurch wurde die Jodidaufnahme wieder möglich.
Ein drittes Beispiel für die Bedeutung der molekular-endokrinologischen Grundlagenforschung lieferten unsere Arbeiten zur Funktion des Spurenelements Selen im Stoffwechsel. Hier zeigte sich, dass Selen zentraler Bestandteil der Enzyme ist, die Schilddrüsenhormone aktivieren und inaktivieren. Selen ist außerdem notwendig für die körpereigene Synthese der Schilddrüsenhormone. Die Schilddrüse selbst hat den höchsten Gewebe-Selen-Gehalt im Körper. Wir konnten nun, zusammen mit anderen Gruppen, eine Reihe neuer Selen-haltiger Proteine charakterisieren. Auffällig ist, dass insbesondere endokrine, Hormon-produzierende Drüsen, die Reproduktionsorgane und das Gehirn hohe Selengehalte aufweisen und bei Selenmangelerscheinungen das Spurenelement anreichern oder zurückhalten.
Selen hat demnach eine wichtige Bedeutung bei der Regulation hormoneller Vorgänge. Wie das stattfindet, ist derzeit jedoch noch nicht vollständig aufgeklärt. Von höchstem Interesse ist ein gerade publizierter Befund einer Braunschweiger Arbeitsgruppe in Kooperation mit italienischen Wissenschaftlern. Demnach führt Selenmangel in männlichen Versuchstieren zu Störungen der Spermienreifung. Die Spermienreifung selbst korreliert nämlich mit dem Vorhandensein eines bestimmten Selenproteins. Dessen Konzentration und Funktion wird wiederum durch die so genannten Gonadotropine - das sind Hyphphysen-Hormone, die auf die Geschlechtsorgane wirken - gesteuert.
Mit leuchtenden Genen zu neuen Therapieformen des Diabetes mellitus Professor. Dr. W. Knepel, Molekulare Pharmakologie, Universität Göttingen, Robert-Koch-Str. 40, 37075 Göttingen
Bei der Suche nach neuen Wirkmechanismen und Einsatzmöglichkeiten von Medikamenten spielt die Aufklärungsarbeit auf molekularbiologischer Ebene eine große Rolle. Gene können beispielsweise isoliert und verändert werden. Man kann sie sogar entsprechend ihrer Aktivität zum Leuchten bringen. Mit dieser Technik kann man die Struktur und Funktion unbekannter Eiweißkörper (Proteine) erforschen. So gelang es beispielsweise im Rahmen der endokrinologischen Grundlagenforschung, gentechnologisch hergestelltes Insulin für die Therapie des Diabetes mellitus nutzbar zu machen. Heute ist dieses Insulin aus dem medizinischen Alltag nicht mehr wegzudenken.
Als ein neues Ergebnis enokrinologischer Grundlagenforschung steht jetzt eine neue Medikamentengruppe kurz vor der Markteinführung: die Thiazolidindione zur Behandlung des Diabetes mellitus vom Typ II. Zu dieser Medikamentengruppe gehören die Wirkstoffe Pioglitazon (unter dem Warenzeichen Actos®, Firma Takeda) und Rosiglitazon (unter dem Warenzeichen Avandia®, Firma SmithKline Beecham). Beide Substanzen sind in den USA bereits auf dem Markt. Sie unterscheiden sich von den herkömmlichen Arzneistoffen darin, daß sie nicht wie bisher die Insulinfreisetzung steigern, sondern vielmehr die Wirkung des blutzuckersenkenden Insulins an sich verbessern (Insulin Sensitizer). Damit wirken sie einer wesentlichen Ursache des Typ-II-Diabetes entgegen: der sogenannten Insulinresistenz. Das bedeutet, daß bei Typ-II-Diabetikern zwar genügend Insulin vom Körper produziert werden kann, die Wirkung am Zielgewebe jedoch nicht ausreicht. Bisherigen klinischen Studien zufolge sind Pioglitazon und Rosiglitazon gut verträglich. Verglichen mit den herkömmlichen Medikamenten, den Sulfonylharnstoffen, zeigen sie sogar weniger Nebenwirkungen in Form von Unterzuckerungen (Hypoglykämie).
Viel Forschung und ein bißchen Zufall
Die Entwicklung dieser innovativen Medikamentengruppe ist nicht nur der zielgerichteten Forschungsarbeit der Wissenschaftler sondern wie häufig auch dem Zufall zuzuschreiben. Bei der Suche nach Cholesterin-senkenden Stoffen fiel Anfang der achtziger Jahre Wissenschaftlern der Firma Takeda (Japan) zufällig die blutzuckersenkende Wirkung von Thiazolidindionen auf. Gleichzeitig haben viele Labore, darunter das von Bruce Spiegelman (Harvard Medical School, Boston, USA), die Funktionen von Genen in Fettzellen untersucht. So konnte ein neues Protein (Eiweißkörper) namens PPARg (Peroxisomem-Proliferatoren-aktivierter-Rezeptor-g -Isoform) isoliert werden.
Dieses Protein lagert sich mit RXR, einem zweiten Protein zusammen. In dieser Form binden die beiden Proteine an spezifische Erkennungsstellen von Genen. 1995 gelang der Nachweis, daß Thiazolidindione ebenfalls an PPARg binden und dadurch die Aktivität von Genen steigern können. Durch diese Bindung erklärt man sich die antidiabetische Wirkung der Thiazolidindione.
Blick in die Zukunft
Während die Thiazolidindione, die erste Generation der Insulin Sensitizer gerade in die Therapie eingeführt wird, arbeiten Forscher bereits an der nächsten Generation. Die Wissenschaftler der Firma Glaxo Wellcome bauten ein Testsystem, in welchem verschiedene Substanzen, die als Insulin-Sensitizer in Frage kommen, in Verbindung mit PPARg ein künstliches Gen entsprechend seiner Aktivität zum Leuchten bringen. Je größer die Aktivität, desto stärker die antidiabetische Wirkung. Durch systematisches Testen einer Vielzahl von Verbindungen wurden damit vor kurzem Substanzen mit größerer Potenz als die Thiazolidindione gefunden.
Endokrinologische Grundlagenforschung und Reproduktionsmedizin
Professor Dr. Gerhard Weinbauer, Institut für Reproduktionsmedizin, Universität Münster, Domagkstraße 11, 48129 Münster
Gegenstand der Reproduktionsmedizin (Fortpflanzungsmedizin) sind die menschliche Fortpflanzung und deren Störungen. Etwa 15% der Paare im fortpflanzungsfähigen Alter leiden an unerfülltem Kinderwunsch, wobei sich die Ursache der Fertilitätsstörungen gleichermassen auf beide Geschlechter verteilt. Fortpflanzungshormone und deren Rezeptoren steuern die Anlage und Entwicklung der Keimdrüsen (Eierstöcke und Hoden), die Produktion der Sexualhormone, die Ausbildung der Geschlechtsmerkmale, die Reifung und Interaktion funktionsfähiger Keimzellen (Gameten) und das Sexualverhalten. Deshalb ist es wichtig, die Zusammenhänge der Hormonausschüttung sowie die Funktion der hormonbildenden Drüsen, Organe beziehungsweise Gewebe im Körper zu kennen. Die Endokrinologie beschäftigt sich damit, diese Vorgänge aufzuklären. Die Endokrinologische Grundlagenforschung in der Reproduktionsmedizin ist Voraussetzung für das Verständnis der endokrinen Zusammenhänge im Reproduktionsgeschehen und für die Entwicklung von Therapien.
Dazu folgende aktuelle Beispiele:
1. Molekulare Veränderungen (kleinste Strukturveränderungen) der Fortpflanzungs-Hormone und/oder ihrer Rezeptoren konnten bei einigen Patienten als Ursache von Entwicklungsstörungen und Infertilität nachgewiesen werden. Obwohl Mutationen - das sind spontane Veränderungen des Erbguts - in diesem Bereich eher selten sind, ist die Aufklärung der Ursache der Hormonstörung für das Verständnis der endokrinologischen Zusammenhänge besonders wichtig. Führen beispielsweise spontane Änderungen des Erbguts zur Produktion von leicht abgewandelten Hormonen, so können diese funktionslos sein. In diesem Fall ist eine veränderte Hormonstruktur die Ursache der Unfruchtbarkeit. Die Therapie der Wahl ist Hormonersatz. Sind jedoch abgewandelte Rezeptoren die Ursache der Unfruchtbarkeit, so ist derzeit noch keine Therapie möglich. Für die Praxis ist die Kenntnis der klinischen Konsequenzen dieser Veränderungen des Erbguts (Mutationen) besonders wichtig, um entsprechende Patienten erst identifizieren zu können.
2. Die moderne Endokrinologie beschäftigt sich nicht nur mit den klassischen Hormonen, sondern auch mit den Rezeptoren in den Zielorganen und den Vorgängen innerhalb dieser Organe. Gerade durch den Einsatz transgener Tiermodelle konnten wichtige Signal- und Vermittlersubstanzen entdeckt werden. Auf männlicher Seite konnte ein Genregulator (CREM) nachgewiesen werden, der innerhalb der Zelle die Signalwirkung von bestimmten Eiweißstoffen vermittelt. Fehlt dieser Faktor, führt dies im Tiermodell zu einer sehr spezifischen Störung der Keimzellreifung und -produktion. Bei einigen Patienten mit idiopathischer (d.h. Ursache unbekannt) Infertilität findet sich ein ähnlicher Defekt der Spermatogenese. Interessanterweise wird das für CREM kodierende Gen bei diesen Männern auch nicht abgelesen. Das CREM-Gen ist ein Beispiel dafür, wie die Grundlagenforschung in der Endokrinologie zu klinisch relevanten Ergebnissen führen kann.
3. Aus der Grundlagenforschung resultiert eine weitere wichtige Entwicklung für die (endokrine) Reproduktionsmedizin: Die Transplantation von Keimzellen und von Keimgewebe. Durch die Übertragung von ovariellem Gewebe konnte im Tierversuch die Produktion der weiblichen Sexualhormone aufrechterhalten werden. Der Transfer männlicher Keimzellen gelang erstmals in-vivo bei Affen und in-vitro für Humanhoden. Da die Zellen und Gewebe tiefgefroren sehr lange gelagert werden können, eröffnet sich z.B. die Möglichkeit intaktes Keimgewebe für einen späteren Transfer zu lagern.
4. Zukunftsperspektive: Der rasante Fortschritt bei der Entwicklung von "high-throughput-screening"-Techniken (Analyse von Tausenden von Genen innerhalb kurzer Zeit) gekoppelt mit der Aufklärung des menschlichen Erbguts wird unter anderem auch dazu führen, dass eine grosse Zahl neuer reproduktions-endokrinologisch relevanter Gene und Faktoren entdeckt werden. Basierend auf Untersuchungen in der Fruchtfliege (Drosophila) wird bereits spekuliert, dass cirka 2000 Gene spezifisch im Zusammenhang mit der Keimzellproduktion und Fertilität beim Mann stehen. Damit wird die Möglichkeit eröffnet, die molekularen Ursachen der Infertilität auf deutlich breiterer Basis als bisher erforschen zu können.
Neue Entwicklung in der Hormonsubtitutionstherapie (HRT) und das Potential der Phytoestrogene
Professor Dr. Hubertus Jarry, Universitätsfrauenklinik, Klinische und experimentelle Endokrinologie, Robert-Koch-Straße 40, 37075 Göttingen
Estradiol (E2) ist ein charakteristisches Steroidhormon im weiblichen Körper. Es wird im Eierstock freigesetzt. Dieser Vorgang wird durch einen so genannten neuroendokrinen Regelkreis gesteuert. Das bedeutet, dass sowohl das Hormonsystem als auch das Nervensystem, die beide im Hypothalamus (Teil des Zwischenhirns) verschaltet sind, die Sekretion von Estradiol kontrollieren. Estradiol wirkt, indem es im Plasma bestimmter Zielzellen an einen Rezeptor bindet. Dieser Rezeptor stellt eine spezifische Andock-Stelle für das Hormon dar. Er bindet das Hormon und verändert dabei seine Struktur. Dadurch wird nach Bindung des Rezeptors an die DNA die Produktion bestimmter Gene beeinflusst. Estradiol übt so nicht nur Einfluss auf die Funktion des Eierstocks aus, sondern wirkt beispielsweise auch in der Gebärmutterschleimhaut (Endometrium) und in den Gefäßen. Auch beim Knochenauf- und -abbau sowie im Fettstoffwechsel spielt es eine maßgebliche Rolle.
Im Laufe des Alterns geht die Estradiol-Produktion im weiblichen Körper zurück, wodurch zahlreiche Körperfunktionen betroffen sind. Typische Beschwerden beziehungsweise Symptome, die während und nach den Wechseljahren auftreten sind Hitzewallungen, Osteoporose, Erhöhung des Risikos von Herz-Kreislauf- und Nervenerkrankungen, die Veränderung der Gebärmutterschleimhaut sowie Inkontinenzprobleme.
Die Therapie
Die Therapie der klimakterischen Beschwerden und späteren Gesundheitsstörungen ist die konsequente Einnahme von synthetischen oder natürlichen Steroiden, da die Wirkung des körpereigenen Estradiols nicht mehr ausreicht. Man spricht dann von einer Hormonsubstitutionstherapie. Dabei werden in der Mehrzahl der Zielorgane positive Wirkungen erzielt, aber gleichzeitig wird das Wachstum von Tumoren in der Brustdrüse und der Gebärmutterschleimhaut gefördert. Um das Tumorwachstum zu hemmen können Antiestrogene eingesetzt werden. Diese Substanzen binden ebenfalls an den Estrogen-Rezeptor, vermögen ihn aber nicht derart in seiner Struktur zu beeinflussen, dass eine Bindung an die DNA erfolgt. Das bekannteste Antiestrogen ist das Tamoxifen. Diese Substanz weist aber paradoxe Eigenschaften auf: Während es an der Brustdrüse die gewünschte Estradiol-antagonistische Wirkung besitzt, wird in der Gebärmutter das Wachstum der Schleimhaut stimuliert. Das heißt, Tamoxifen wirkt in der Gebärmutter analog dem Estradiol und damit besteht hier nach wie vor ein erhöhtes Wachstumsrisiko für Tumore. Diese Beobachtung hat zu zwei neuen Forschungsrichtungen geführt:
1. Der Entdeckung des Estrogen-ß-Rezeptors
2. Die Suche nach selektiven Estrogenrezeptor-Modulatoren (SERMs)
Entdeckung des Estrogen-ß-Rezeptors
Die unterschiedliche Wirkung synthetischer Steroidanaloga an den einzelnen Zielorganen hat zur These geführt, dass es möglicherweise verschieden Estrogen-Rezeptoren gibt. Mittels der "knock out" Maus konnte tatsächlich gezeigt werden, dass durch das Ausschalten des Estrogen-Rezeptor-Gens die Tiere in ihrer Lebensfähigkeit nur marginal eingeschränkt sind. Das heißt, Estradiol muss weiterhin wirken können. Dies kann nur durch die Existenz eines weiteren Estrogen-Rezeptors erklärt werden. 1996 gelang der Nachweis des zweiten Estrogen-Rezeptor-Gens, genannt Estrogen-ß-Rezeptor. Der bisher bekannte Rezeptor wird nun als µ-Subtyp bezeichnet. In Bindungs- und Aktivierungsexperimenten mit natürlichen und synthetischen Steroidanaloga wurde deutlich, dass einige Stoffe vorwiegend an einen der beiden Estrogen-Rezeptoren binden. In den meisten Zellen, die Estrogen-Rezeptoren enthalten, sind beide Subtypen zu finden. Das einzige Organ, das selektiv nur mit Schlüsselsubstanzen des Estrogen-µ-Rezeptors reagiert, ist die Gebärmutter. Das Verteilungsmuster und die unterschiedliche Aktivität der beiden Estrogenrezeptoren sowie die verschieden starke Affinität von Steroiden beziehungsweise Steroid-Analoga könnten die Erklärung für die organselektive Wirkung dieser Stoffe sein.
Die Suche nach Estrogenrezeptor-Modulatoren (SERMs)
Für die Hormonsubstitutionstherapie ist es wünschenswert, solche Steroide/Analoga zu entwickeln beziehungsweise zu isolieren, die keine negativen Effekte an Gebärmutter und Brust besitzen, wohl aber die typischen Ausfallerscheinungen im Zentralnervensystem, beim Knochenauf- und -abbau, im Urogenitaltrakt, im Herz-Kreislaufsystem sowie im Fettstoffwechsel zu korrigieren. In der Tat konnten kürzlich neue Steroidanaloga entwickelt werden, die eine organselektive, Estradiol-ähnliche Wirkung besitzen, ohne das Tumorwachstum an Brustdrüsen und Gebärmutterschleimhaut zu fördern.
Derartige Stoffe werden als selektive Estrogenrezeptor-Modulatoren (SERMs) bezeichnet. Stellvertretend, ohne eine Wertung anderer neuer SERMs damit zu verbinden, sei hier der Wirkstoff Raloxifen genannt. Die Suche und Entwicklung von SERMs wird zurzeit mit größter Intensität betrieben.
Das Potential der Phytoestrogene
Die positiven Effekte der Hormonsubstitutionstherapie treten, beispielsweise bei der Osteoporose, erst nach längerer Therapiedauer ein. Angesichts der Verunsicherung zahlreicher Patientinnen bezüglich den Therapierisiken kommt der Behandlung der klimakterischen Beschwerden mit pflanzlichen Inhaltsstoffen eine immer größere Bedeutung zu. Pflanzliche Steroidanaloga sind zum Beispiel die Isoflavone. In früheren Versuchen mit Estrogen-Rezeptor-Präparationen aus dem Uterus (Gebärmutter) wurde den Isoflavonen nur ein geringes Wirkpotential zugeschrieben.
Es sei daran erinnert, dass der Uterus auschliesslich die µ-Form des Estrogenrezeptors bildet. Mit neueren zellbiologischen Verfahren zeigte sich nun überraschend, dass die Isoflavone selektiv, also gezielt mit Estrogen-ß-Rezeptoren reagieren. Teilweise werden dadurch noch stärkere Effekte erzielt als mit natürlichem Estradiol selbst. Es gibt bisher keine Anzeichen dafür, dass die Phytoestrogene (pflanzliche Estrogene) das Wachstum steroidabhängiger Tumore fördern. Die organselektive Wirkung der Phytoestrogene ist für die langfristige Hormonsubstitutionstherapie daher von großer Bedeutung. Die genannte Priorität für den Estrogen-ß-Rezeptor könnte die Erklärung für das seit langem bekannte Phänomen sein, dass in Kulturkreisen, in denen die Ernährung größtenteils auf vegetarischer Kost (Phytoestrogen-haltig) wie Soja basiert, die Häufigkeit der steroidabhängigen Tumoren wie Mamma- und Prostatakarzinom gegenüber den westlichen Gesellschaften eindeutig geringer ist. Die Forschung über und mit Phytoestrogenen ist noch in einem frühen Stadium, jedoch ist aufgrund der bisherigen Befunde zur organselektiven Wirkung dieser Stoffe zu erwarten, dass sie die Basis für eine langfristige Hormonsubstitutionstherapie ohne Tumorwachstumsrisiko sein werden.
MEN - Multiple Endokrine Neoplasie
Professor Dr. Wolfgang Höppner, Inst. für Hormon- und Fortpflanzungsforschung, Grandweg 64, 22529 Hamburg
Unter Neuroendokrinologie versteht man die Lehre des Zusammenspiels von Hormonsystem und Nervensystem im Körper. Es ist die Voraussetzung zur Aufrechterhaltung des biologischen Gleichgewichts und der Koordination aller Lebensprozesse. Das Krankheitsbild "multiple endokrine Neoplasie Typ 2 (MEN2)" tritt in verschiedenen Formen auf. Es ist ein erbliches Syndrom, bei dem neuroendokrine Tumoren an verschiedenen Hormondrüsen vorkommen. Das hochmaligne medulläre Schilddrüsenkarzinom stellt das gemeinsame Symptom dar. Darüber hinaus können gutartige Tumoren der Nebenschilddrüse und des Nebennierenmarks auftreten, die zu schweren hormonellen Komplikationen führen.
Die medullären Schilddrüsenkarzinome sind gleichzeitig die lebensbedrohende Komponente der Erkrankung, da sie nur operativ entfernt werden können und bei bereits auftretenden Metastasen kaum noch die Möglichkeit einer wirksamen Therapie besteht. Alle Formen des MEN2-Syndroms entstehen durch Keimbahnmutationen. Die spontanen Veränderungen des Erbguts führen zur Aktivierung eines bestimmten Gens, dem Protoonkogen, das ein vermehrtes Wachstum neuroendokriner Zellen auslöst.
Genträger haben eine mehr als 90%ige Wahrscheinlichkeit, im Laufe ihres Lebens an medullärem Schilddrüsenkarzinom und anderen Tumoren zu erkranken.
Die Gentechnologie ermöglicht es nun, in den Familien, in denen die Erkrankung vererbt wird, durch eine Genanalyse die gefährdeten Familienmitglieder zu identifizieren, lange bevor die Erkrankung ausbricht. Wegen der Gefährlichkeit der medullären Schilddrüsenkarzinome wird empfohlen, den Trägern dieses Gendefektes im Alter von 5-7 Jahren vorbeugend die Schilddrüse zu entfernen. Für spezialisierte endokrinologische-chirurgische Zentren ist das ein relativ kleiner Eingriff. Die Kinder können nach 2-3 Tagen aus dem Krankenhaus entlassen werden. Sie müssen allerdings für den Rest ihres Lebens Tabletten mit dem Schilddrüsenhormon Thyroxin einnehmen.
Bei konsequenter Anwendung dieser Genanalyse werden in Zukunft keine Patienten aus bekannten MEN2-Familien mehr an hochmalignem medullärem Schilddrüsenkarzinom sterben müssen.
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