Einstellung des Inverkehrbringens von Thiamazol 40 mg inject. Henning Injektionslösung
Die Sanofi-Aventis Deutschland GmbH hat mit Schreiben vom 06. März 2026 über die geplante Einstellung des Inverkehrbringens von Thiamazol 40 mg inject. Henning Injektionslösung informiert. Die Restbestände sollen voraussichtlich bis September 2026 abverkauft werden. Als Grund für die Einstellung wird angegeben, dass das bisherige Herstellungsunternehmen die Produktion einstellt und kein alternatives Herstellungsunternehmen gefunden werden konnte. Ein pharmazeutischer Qualitätsmangel liegt laut Hersteller nicht vor; bereits ausgelieferte Packungen können weiterhin verwendet werden [1, 2].
Aus Sicht der Sektion Schilddrüse der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie ist die geplante Außervertriebnahme klinisch relevant für ausgewählte Behandlungssituationen, führt jedoch voraussichtlich nicht zu einer generellen Versorgungslücke in der Behandlung der Hyperthyreose oder thyreotoxischen Krise. Thiamazol, international meist als Methimazol bezeichnet, weist nach oraler Gabe eine hohe absolute Bioverfügbarkeit auf; in einer pharmakokinetischen Untersuchung lag diese im Mittel bei 93 %. Bei möglicher oraler bzw. enteraler Gabe ist daher in der Regel nicht von einem relevanten pharmakokinetischen Nachteil gegenüber einer intravenösen Applikation auszugehen [3].
Auch die internationalen Leitlinien zur Hyperthyreose sehen primär ein multimodales Behandlungskonzept vor. Die Leitlinie der American Thyroid Association (ATA) nennt Thionamide, Betablockade, Glukokortikoide, Gallensäurebinder wie Colestyramin zur Reduktion der enterohepatischen Zirkulation von Schilddrüsenhormonen, Kaliumiodid nach vorheriger Thyreostatikagabe sowie intensivmedizinische Supportivmaßnahmen als zentrale Therapieelemente; eine intravenöse Gabe von Thiamazol ist dort nicht als regelhafter Standard vorgesehen [4]. Die European Thyroid Association (ETA) beschreibt Thiamazol in der Behandlung des Morbus Basedow als bevorzugtes Thyreostatikum in der Standardtherapie; Propylthiouracil bleibt spezifischen Konstellationen vorbehalten [5].
Klinisch relevant bleibt der Wegfall vor allem für die kleine Patientengruppe, für die eine intravenöse Thiamazol-Gabe bislang klinisch relevant war: seltene intensivmedizinische Situationen, in denen eine orale oder enterale Gabe nicht möglich oder nicht verlässlich ist, z. B. bei ausgeprägtem Erbrechen, Ileus, schwerer gastrointestinaler Blutung, fehlendem oder nicht nutzbarem Sondenzugang, relevanter Resorptionsstörung oder perioperativer Nahrungskarenz.
Für diese Konstellationen sollten behandelnde Zentren frühzeitig alternative Vorgehensweisen prüfen. Wenn eine enterale Applikation möglich ist, kommen Thionamide oral bzw. über eine enterale Sonde in Betracht. Ist dies nicht möglich oder nicht verlässlich, können in Rücksprache mit der Krankenhausapotheke apothekenhergestellte rektale Rezepturen geprüft werden. Die Evidenz hierfür ist begrenzt und basiert überwiegend auf Fallberichten, kleinen pharmakokinetischen Untersuchungen und Expertenempfehlungen [6–8]. Zudem sollte frühzeitig eine interdisziplinäre Einbindung von Endokrinologie, Intensivmedizin und endokriner Chirurgie erfolgen. Bei kritisch kranken Patientinnen und Patienten oder unzureichend kontrollierbarer Thyreotoxikose sollte frühzeitig interdisziplinär evaluiert werden, ob nach kurzfristiger Stabilisierung eine definitive chirurgische Therapie angezeigt ist.
Die Möglichkeit eines patientenbezogenen Einzelimports parenteraler Thiamazol-/Methimazol-Präparate sollte bei Bedarf über die Krankenhausapotheke bzw. Internationale Apotheke geprüft werden; als verlässlicher akuter Versorgungsweg kann ein Import jedoch nicht vorausgesetzt werden.
Aus Sicht der Sektion Schilddrüse ist davon auszugehen, dass die Außervertriebnahme von Thiamazol i.v. in der Mehrzahl der klinischen Situationen durch verfügbare alternative Behandlungs- und Applikationswege kompensiert werden kann. Zugleich sollte sie zum Anlass genommen werden, in Kliniken mit Versorgung von Patientinnen und Patienten mit schwerer Hyperthyreose oder thyreotoxischer Krise die Verfügbarkeit alternativer Applikationswege und die interdisziplinären Abläufe für seltene Hochrisikokonstellationen zu überprüfen.
Für die Sektion Schilddrüse der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
Literatur
1. Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker. Informationsschreiben zu Thiamazol 40 mg inject. Henning Injektionslösung: Einstellung des Vertriebs zu September 2026. AMK-Nachricht 12/26; 16.03.2026.
2. Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte. Informationsschreiben der Sanofi-Aventis Deutschland GmbH zur Einstellung des Inverkehrbringens von Thiamazol 40 mg inject. Henning Injektionslösung. 2026.
3. Jansson R, Lindström B, Dahlberg PA. Pharmacokinetic properties and bioavailability of methimazole. Clin Pharmacokinet. 1985;10(5):443–450. doi:10.2165/00003088-198510050-00006.
4. Ross DS, Burch HB, Cooper DS, Greenlee MC, Laurberg P, Maia AL, et al. 2016 American Thyroid Association Guidelines for Diagnosis and Management of Hyperthyroidism and Other Causes of Thyrotoxicosis. Thyroid. 2016;26(10):1343–1421. doi:10.1089/thy.2016.0229.
5. Kahaly GJ, Bartalena L, Hegedüs L, Leenhardt L, Poppe K, Pearce SH. 2018 European Thyroid Association Guideline for the Management of Graves’ Hyperthyroidism. Eur Thyroid J. 2018;7(4):167–186. doi:10.1159/000490384.
6. Nayak B, Burman K. Thyrotoxicosis and thyroid storm. Endocrinol Metab Clin North Am. 2006;35(4):663–686. doi:10.1016/j.ecl.2006.09.008.
7. Yeung SC, Go R, Balasubramanyam A. Rectal administration of iodide and propylthiouracil in the treatment of thyroid storm. Thyroid. 1995;5(5):403–405. doi:10.1089/thy.1995.5.403.
8. Jongjaroenprasert W, Akarawut W, Chantasart D, Chailurkit LO, Rajatanavin R. Rectal administration of propylthiouracil in hyperthyroid patients: comparison of suspension enema and suppository form. Thyroid. 2002;12(7):627–631. doi:10.1089/105072502760258712.